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Wie viel Sie im Notgroschen halten sollten, und wo

·6 Min. Lesezeit·Julian Weber

Ein Notgroschen — also eine Reserve für unerwartete Ausgaben — ist keine Anlagestrategie, sondern eine Grundlage. Ohne ihn wird jede längerfristige Geldanlage brüchig, weil das erste unerwartete Ereignis Sie zwingt, Positionen zu ungünstigen Zeitpunkten aufzulösen. Mit ihm kaufen Sie sich Ruhe — und die Möglichkeit, den Rest Ihres Vermögens tatsächlich langfristig arbeiten zu lassen.

Wie viel ist "genug"

Die klassische Faustregel lautet: drei bis sechs Monatsausgaben. Nicht Ihr Nettoeinkommen, sondern das, was Sie tatsächlich pro Monat für Fixkosten und normalen Lebensunterhalt brauchen. Wer 2.500 Euro im Monat verlebt, sollte also zwischen 7.500 und 15.000 Euro als Notgroschen zurücklegen. Diese Spanne ist nicht willkürlich, sondern hängt von Ihrer Lebenssituation ab.

Am unteren Ende der Spanne (drei Monate) sind Sie richtig, wenn:

  • Ihr Einkommen sicher und regelmäßig ist (unbefristete Anstellung, keine großen Schwankungen).
  • Sie keine Angehörigen finanziell versorgen müssen.
  • Sie in einer Mietwohnung ohne aufwendige Instandhaltung leben.
  • Sie ein neueres Auto oder gar keins haben.

Am oberen Ende (sechs Monate oder mehr) sind Sie richtig, wenn:

  • Ihr Einkommen schwankt (Selbstständige, Freiberufler, Provisionsanteil).
  • Sie Familie versorgen.
  • Sie ein Eigenheim mit größerem Instandhaltungsbedarf haben.
  • Ihr Beruf spezialisiert ist und ein Jobwechsel im Zweifel Monate dauert.

Alles über sechs Monatsausgaben ist selten sinnvoll, außer Sie erwarten konkret eine größere Ausgabe. Zu viel Reserve heißt zu wenig arbeitendes Geld — und in Zeiten spürbarer Inflation ist geparktes Kapital ein realer Kaufkraftverlust.

Wo der Notgroschen liegen sollte

Die zwei wichtigsten Eigenschaften eines Notgroschens sind: sofortige Verfügbarkeit und keine Kursschwankungen. Aktien fallen aus beiden Gründen aus — nicht nur wegen der Schwankungen, sondern auch wegen der Steuer bei Verkauf und der psychologischen Hürde, im Kriseneigentum verkaufen zu müssen.

Sinnvoll sind vor allem:

  • **Tagesgeldkonto.** Die Standardlösung. Verzinsung deutlich besser als das Girokonto, jederzeit verfügbar, staatlich gesichert bis 100.000 Euro. Ein bisschen Neukundenzins zu jagen, kann sich lohnen — aber übertreiben Sie es nicht, es ist ein Notgroschen, kein Optimierungsprojekt.
  • **Girokonto (nur für einen kleinen Teil).** Ein bis zwei Monatsausgaben können bei aktuell schwachen Girokontozinsen zwar Geld kosten, sparen aber Zeit im echten Notfall. Der Zugriff ist sofort, mit Karte und ohne Überweisung.
  • **Sparbuch.** Grundsätzlich möglich, aber die Verzinsung ist meistens deutlich schlechter als beim Tagesgeld. Nur sinnvoll, wenn Sie es aus Gewohnheitsgründen ohnehin haben.

Ungeeignet sind kurzlaufende Festgelder für die Notgroschen-Rolle. Auch drei Monate Bindung sind zu lang, wenn Sie am Morgen die Waschmaschine ersetzen müssen. Wenn Sie einen Teil Ihrer Reserve höher verzinsen wollen, machen Sie das lieber über einen zweiten Topf oberhalb der Notgroschen-Grundreserve.

Die Falle der Anlagementalität

Ein wiederkehrender Fehler: Menschen legen sich einen soliden Notgroschen an, sehen die niedrige Verzinsung, ärgern sich, und schichten ihn dann Stück für Stück in besser rentierende Produkte um — Festgeld, Anleihen, ETFs. Ein halbes Jahr später ist der Notgroschen weg, und das erste unerwartete Ereignis zwingt zum Verkauf zum falschen Zeitpunkt.

Behalten Sie beim Notgroschen den Zweck im Blick. Er ist Versicherung, nicht Investment. Er soll nicht die Rendite maximieren, sondern die Kaufkraft weitgehend erhalten und im Notfall sofort da sein. Alles, was diesen Zweck einschränkt, ist die falsche Wahl — egal wie attraktiv der Zinssatz aussieht.

Wie Sie den Notgroschen aufbauen, wenn Sie noch keinen haben

Wenn Sie bei null anfangen: Setzen Sie ein monatliches Sparziel und lassen Sie den Betrag am Anfang jedes Monats automatisch per Dauerauftrag auf ein separates Tagesgeldkonto überweisen. Ein separater Kontoauszug hilft, die Reserve nicht mental als "Girokonto-Geld" zu behandeln.

Realistisch dauert der Aufbau ein bis zwei Jahre, je nach Sparrate. Diese Phase ist manchmal frustrierend, weil die Ersparnis wenig produktiv wirkt. Sie ist trotzdem die Voraussetzung dafür, dass alle späteren Anlageentscheidungen ohne Panik getroffen werden können. Betrachten Sie sie als Grundinvestition in Ihre eigene Handlungsfähigkeit.

Wann Sie den Notgroschen anfassen dürfen

Klar: bei einem echten Notfall. Zum Beispiel:

  • Jobverlust und Überbrückung bis zur nächsten Anstellung.
  • Größere ungeplante Reparaturen (Heizung, Auto, Dach).
  • Medizinische Ausgaben, die die Versicherung nicht abdeckt.
  • Familiäre Notfälle, die kurzfristig Geld erfordern.

Nicht: der neue Fernseher, der günstige Urlaub, die Wette auf eine gerade "billige" Aktie. Für solche Ausgaben ist ein zusätzlicher Sparposten sinnvoll, kein Griff in die Reserve. Wenn Sie den Notgroschen einmal anfassen mussten, priorisieren Sie den Wiederaufbau vor allen anderen Sparzielen, bis er wieder auf dem Zielniveau ist.

Ein solider Notgroschen ist unspektakulär und wird selten interessant. Genau darin liegt sein Wert.

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